Warum sollte ich einen Anwalt beauftragen, wenn er mehr kostet als die Abmahnung?


Wer eine Abmahnung mit einem Vergleichsangebot in der Größenordnung von € 300,00 bis € 500,00 bekommt, wird sich die Frage stellen, ob es sich überhaupt lohnt, einen eigenen Anwalt zu beauftragen, wenn durch diesen eigene Kosten entstehen. Zudem ist wohl die Einschaltung eines Anwaltes keine Garantie dafür, dass man nicht auch noch an den Gegner bezahlt. Viele Anwälte empfehlen zudem auch meistens die Zahlung der Abmahnkosten ohne große Verteidigung.

 

Die Frage ist berechtigt und in der Vergangenheit sind viele Leute auch zunächst billiger damit gefahren, die Abmahnansprüche ohne Gegenwehr zu erfüllen. Das Blatt hat sich jedoch spätestens seit 2010 gewendet, da diejenigen, die eine Abmahnung erhalten und bezahlt haben, kurz danach noch weitere Abmahnungen erhalten haben. Wir haben inzwischen etliche Mandanten, die vor unserer Beauftragung schon mehr als drei Abmahnungen bekommen und anerkannt haben - manchmal sogar nach anwaltlicher Beratung.

Wer an einer endgültigen Erledigung der Angelegenheit interessiert ist, erreicht dieses Ziel im Augenblick gerade nicht durch die vorbehaltlose und serienhafte Abgabe von Unterlassungserklärungen und Zahlung von Vergleichsbeträgen.

Wir sind nicht der Meinung, dass die anwaltliche Beauftragung der einzige Weg im Umgang mit Abmahnungen ist. Jeder Betroffene kann sich das benötigte Wissen selbst aneignen und dies den Abmahnanwälten nachweisen.

Die erste Frage muss daher lauten, lohnt es sich, die Abmahnung genauer zu hinterfragen und etwas zu unternehmen? Hier sagen wir eindeutig ja. Das mindeste, was ein Betroffener unternehmen sollte, ist die Überprüfung, ob er mit seinem Anerkenntnis vermeidbare Rechtsnachteile für sich verursacht. Danach stellt sich die Frage, ob man für seine Aktionen einen Anwalt braucht oder es selbst macht. Lesen Sie hierzu den entsprechenden Artikel.

Welchen Nutzen bringt mir ein Anwalt?

Ein Anwalt ist idealerweise Experte auf seinem Gebiet und kann ein Problem schneller und zuverlässiger lösen als ein Laie. Ob dies für jeden einzelnen Rechtsanwalt in jedem Rechtsgebiet der Fall sein mag, mag zunächst dahinstehen.

Nachdem wir selbst Anwälte sind und davon leben, für Beratung und Vertretung bezahlt zu werden, mag unsere Glaubwürdigkeit in dieser Frage von vorneherein kompromittiert sein. Sie rechnen vermutlich damit, dass Anwälte Ihnen eine Mandatierung als einzig heilbringende Lösung Ihres Problems empfehlen. Darauf mag es in vielen Fällen hinauslaufen, gleichwohl erkennen wir an, dass ein großer Anteil der Betroffenen ihren Abmahnfall ohne anwaltliche Hilfe bearbeiten. Wir versuchen nachfolgend die Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen.

1.       Make or buy - Eine ökonomische Betrachtung in Abhängigkeit der .... Kosten

 

Ob es sich lohnt, eine Leistung outzusourcen hängt maßgeblich davon ab, zu welchen eigenen Kosten und Aufwand das Ergebnis selbst erzielt werden könnte. Als Studenten haben wir unsere Wohnungen selbst angestrichen und die Kisten geschleppt, statt € 10,00 bis € 40,00 an einen Profi zu bezahlen. Buchhaltung und Steuererklärung überlassen wir einem Profi, die Netzwerkadriministration übernehmen wir selbst.

 

Die Rechtsfragen rund um das Filesharing sind komplex, widersprüchlich, aber im Ergebnis überschaubar. Ohne jede Vorkenntnis kann man sich ohne weiteres an drei bis vier fernsehfreien Abenden einen guten Überblick und eine gewisse Einschätzung verschaffen. Wer diese Zeit und das Interesse hierfür hat, wird für seine strategische Entscheidung keine anwaltliche Hilfe mehr brauchen. Als Laie ohne Vorkenntnisse sollte ein Einarbeitungsaufwand von 10 - 15 Stunden einkalkuliert werden. Dies kann bei einer anwaltlichen Beauftragung zumindest teilweise entfallen, sofern man bereit ist, den Einschätzungen des Anwaltes zu vertrauen. Welchen Wert die eigene aufgewendete oder ersparte Arbeitszeit hat, muss jeder für sich bestimmen.

 

2.       Qualität der Beratung und Vertretung

 

Gehen wir für einen Augenblick davon aus, dass die fachkundige Beratung und Vertretung durch einen Anwalt fachlich von höherer Qualität ist als die Selbstmedikation bleibt jedoch die Frage, ob es hierauf wirklich ankommt. Ob ein Arzt oder der Patient selbst einen Schnupfen diagnostiziert, mag im Schluss zur gleichen Empfehlung führen. Stellt sich die Erkältung später als bakterielle Pneumonie heraus, wäre die frühe Konsultation des Experten vielleicht günstiger gewesen. Filesharing-Abmahnungen verlaufen nicht tödlich und der überwiegende Teil der Fälle folgt wiederholenden Mustern. Die Muster verändern sich jedoch und so auch die jeweils gültigen Empfehlungen. Ein Beispiel dafür sind die Abmahnungen des Künstlers David Vogt, bei dem kaum einer bemerkt hatte, dass die Verwertungsrechte längst an die GEMA abgetreten waren und Herr Vogt zur Geltendmachung gar nicht berechtigt war. Wer es mit einer neuen oder seltenen Konstellation zu tun hat, die noch nicht öffentlich erforscht wurde, mag auf die fachkundige Beurteilung eines Anwaltes angewiesen sein.

 

3.       Anwaltsbriefbogen als Wirkungsverstärker

 

Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass nur die wenigsten Fälle jemals vor Gericht gehen und es liegt nahe, dass sich die Abmahnanwälte für die geführten Prozesse diejenigen Fälle und Gegner heraussuchen, bei denen die besten Erfolgswahrscheinlichkeiten bestehen. Aus den Urteilen geht teilweise hervor, dass sich die Rechtsverletzer außergerichtlich mit teilweise längst überholten Schutzbehauptungen verteidigt hatten oder gar nicht anwaltlich vertreten waren.

 

Es besteht die Vermutung, dass sich Abmahnanwälte durch die Anzeige einer kompetenten anwaltlichen Vertretung stärker von einer gerichtlichen Geltendmachung abhalten lassen als bei einem Brief, den der Betroffene selbst verschickt. Dabei mag es gar nicht auf die Qualität des Inhaltes ankommen. Obwohl dieser Effekt statistisch schon nicht messbar ist, stellen wir diesen Gedanken zur Diskussion. Der Nutzen der anwaltlichen Beauftragung mag darin liegen, dass Sie vom Gegner wahrgenommen und bei den weiteren Entscheidungen berücksichtigt wird.